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Liebe Gewerkschaft der Polizei: Heul leise!


©Screenshot/Facebook/GdP Bayern


Ich hatte nie Probleme mit der Polizei - und das bleibt hoffentlich auch so. Im Gegenteil, ich war schon sehr oft dankbar für die Beamten. Selbst, wenn sie meinen, mir mitten in der Nacht mit ihrem gefühlten Hand-Baustrahler in die Augen leuchten zu müssen, bleibe ich in der Regel cool.

Aber dieser Text, den die GdP Bayern auf Facebook verfasst hat (>> hier <<) ist im Grunde nichts anderes als das Negativ zu den angeprangerten Vorwürfen.
Die eine Seite will, dass die Bürger gerecht behandelt werden, die Polizei will, dass die Beamten gerecht behandelt werden. Und beide Anliegen haben sehr wohl ihre Daseinsberechtigung.

Im alltäglichen Umgang gibt es jedoch einen kleinen und daher sehr wichtigen Unterschied: Werde ich "verdachtsunabhängig" kontrolliert, dann habe ich - im Gegensatz zu meinem Gegenüber - weder Gewaltenhoheit noch Handschellen noch eine Schusswaffe. Somit gibt es hier ein deutliches Ungleichgewicht.

Und nun, weil jemand präventiv oder wegen konkreter Vorfälle, egal, mal genauer hinschauen möchte, kommt ein pauschales "Bei uns gibts nichts zu untersuchen, schaut lieber auf die Bürger." Aber genau das wäre doch der Job der Polizei? Auf die Bürger zu schauen.

Wer überwacht den Überwacher?


Niemand stellt alle Polizisten unter Generalverdacht und die GdP sollte nicht pauschal alle freisprechen. Genau darum soll ja untersucht werden.

Und ganz ehrlich, warum wird hier nur gegen linken Extremismus geschossen? Gibt es rechten oder religiösen nicht mehr? Hab ich was verpasst? Oder soll hier ein Feindbild vorgeschoben werden?

Gut, dass in den letzten Tagen die linken Demonstranten tatsächlich den Tod ... nein, den Mord an George Floyd zum Anlass nehmen, um sich selbst auf den sozialen Netzwerken zu vermarkten, ist kein Geheimnis. Denn etliche Video beginnen komischerweise immer kurz bevor "die bösen Polizisten" etwas machen, was sich gut teilen lässt. Die 2-3 Minuten davor, von denen dann Zeugen vor Ort berichten, werfen dann immer ein anderes Bild auf die Situation. Teilweise tauchen sogar die Videos auf, in denen man die Momente davor sieht und einem wird schnell klar: Hier geht die Polizei noch viel zu sanft mit ihm um.

Vielleicht steckt ja diese Wut gegen die linken Selbstdarsteller in diesem Posting. Aber das hat dann in einem offiziellen Account nichts verloren, auch wenn es menschlich nachvollziehbar ist.

Ausgerechnet da nicht hingesehen


Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass Polizisten sich auch gegenseitig in einer Art und Weise decken, dass ich vor Gericht bei dem Verhalten vermutlich eine Strafe wegen Falschaussage zahlen müsste. Und das bestätigte erst unlängst einer der in der Justiz tätigen Moderatoren des Podcasts "Lage der Nation".

Paraphrasiert meinte er, dass auch er bereits solche gegenseitigen Schutzaussagen erlebt hätte und Polizisten nie etwas gesehen haben, wenn der Kollege Mist gebaut hat. Da hätte dann einer ausgerechnet in dem Moment aufs Handy gesehen, der andere habe gerade in die andere Richtung geblickt, usw. 

Auch hatte die Sendung Extra3 diese Woche einen Abschnitt, in der darauf eingegangen wird, dass die Hautfarbe nicht selten Grund dafür ist, dass man seinen Ausweis zücken muss. Alles frei erfunden? Alles Linksextremisten?

Hatte es nicht in der Vergangenheit Fälle gegeben, in denen Polizeiautos in sozialen Netzwerken gezeigt wurden, bei denen eindeutig rechtspopulistische Zeitschriften im Innenraum lagen? Im Rahmen einer Pediga-Demo? Soll man da also noch von einer neutralen Staatsgewalt ausgehen? Wurde nicht sogar bereits die Pressefreiheit durch ahnungslose oder fraglich motivierte Beamte eingeschränkt, weil Wutbürger ins Gesicht gefilmt wurden? Wo arbeitete der Kerl mit dem Deutschlandhütchen gleich nochmal?

Weiße Westen in dunklen Uniformen? Ja, klar.


Ich sage nicht, dass alle Polizisten so sind - es sind zum Glück absolute Ausnahmen. Ich bin auch sehr dankbar, dass wir eine Instanz wie die Polizei haben und dass ich in Deutschland das Privileg habe, gute Beamte idR um mich zu haben. Und wenn euch jemand mit Flaschen bewirft, dann werde ich einen Teufel tun und mitzählen, ob er einmal oder dreimal den Schlagstock auf die Wade bekommt. Wer bettelt soll empfangen.

Aber, liebe GdP Bayern, tut verdammte Scheiße nicht so, als wären es nur Heilige, die bei der Polizei tätig sind oder waren (... räusper, Tim K. räusper ...). Ich als Bürger kann so gut wie nichts gegen Polizisten ausrichten, wenn die Mist bauen - die Politik schon. Also haltet euch doch mal an die Aussagen, die wir immer zu hören bekommen: "Wenn man nichts angestellt hat, dann muss man auch nichts befürchten."

Abgesehen davon: Soll man es nur noch Polizisten überlassen, Polizei-Vorfälle zu untersuchen? Obwohl. Klappt ja in der katholischen Kirche auch super, oder?


"Donaulied": Sexuelle Gewalt oder geheuchelte Moral?

©Julia Bergmeister / CC-Lizenz*


Corinna Schütz hat ein Problem. Oder genauer gesagt eine Petition wegen eines Problems. Die 22-Jährige Passauer Studentin möchte das "Donaulied" verbieten lassen. Okay, "verbieten" stimmt nur so halb, viele betonen, dass es in Bierzelten nicht mehr gespielt werden soll. Als ob es auf der Ü30-Fete oder im Kinderfasching weniger problematisch wäre.

Denn genau das ist dieser Text, wenn ich mal von meinem "alter weißer Mann"-Standpunkt einen Schritt zurück trete und das Ganze betrachte. Denn in dem Lied - das in unterschiedlichen textlichen Variationen existiert - liegt ein Mädchen schlafend am Ufer und der Ich-Sänger macht sich "über die Schlafende her". Zumindest in der wohl bekanntesten Version, die Coverbands in Bierzelten verwenden. Das allein ist nicht das einzige Problem an dem Song, denn im Subtext schwingen einige weitere Anspielungen mit. Zum Beispiel ist sie teils "halb nur bedeckt", was in der Bierzelt-Umgebung indirekt darauf anspielen könnte, dass sie eventuell sternhagelvoll ist. Am Ende des Songs wirft die inzwischen aufgewachte dem (mutmaßlichem) Vergewaltiger vor (hey, noch ist er nicht rechtskräftig verurteilt), sie geschwängert zu haben.

Aber zum Glück hat er verhütet und dass sie nicht weiß, wer der Vater ist, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Okay, so weit so scheiße. Denn tatsächlich verharmlost dieses Lied sexuellen Missbrauch und ich persönlich habe das Lied (abgesehen vom Ohrwurm-Charakter der Melodie) nie gemocht. Aus genannten Gründen und auch in Kombination mit dem Publikum (m/w/d), das typischerweise lauthals mitsingt. Wenn Bierbauch-Bernd vollgeschwitzt "Ihr schneeweißer Busen war halb nur bedeckt" lüstern in die Brathendl-Luft leiert, dann ist das eben nicht sexy. 

Aber das ist ein persönliches Empfinden, andererseits übertöne ich auch nach fünf Cuba Libre alle anderen, wenn "Poison" von Alice Cooper läuft und BDSM-Referenzen kommen ("I wanna hurt you just to hear you screaming my name"). Und genau damit kommen wir zu den Begründungen, warum eine derartige Anti-Donaulied-Petition fürn Arsch ist.


Die Studentin gehört mal wieder richtig durchgebumst!


Schön zu sehen, dass die Zwischenüberschrift dich zum Weiterlesen motiviert hat. Nein, ich werde mir kein Urteil über das Sexualleben einer 22-Jährigen erlauben und auch keine Gebrauchsanweisung zur Änderung ihrer Motivation hier mutmaßen. Das überlasse ich den Arschlöchern, die auf Youtube und Facebook darin die Lösung dieser Probleme sehen. (Das hat keiner jetzt kommen sehen, was. Ha!)

Corinna Schütz hat ja ein durchaus sinnvolles Anliegen: Sexuelle Gewalt nicht zum Party-Element werden zu lassen. Doch liebe Corinna, da geht es um ein Lied, das offenbar dir persönlich (zu Recht) sauer aufstößt. Hast du dich aber mal in den letzten paar hundert Jahren in den Kulturlandschaften umgesehen? Die ist voll davon. Also warum genau muss nun das Donaulied herhalten? Es ist nur ein Beispiel unter vielen.

In Peter Maffays Hit "Es war Sommer" verführt eine Mitdreißigerin einen 16-Jährigen zum ersten Sex. Ich sage bewusst "verführt", denn wenn es eine Frau macht, wird es komischerweise immer "verführt" genannt, während ein Mann immer "missbraucht". Aber da ich selbst ein Mann bin, hat diese Kritik weniger Wirkung, als würde es eine Frau schreiben.


Ehebruch, Verführung Minderjähriger und Gruppenvergewaltigung


"Der kleine Fischer Lodrian" wird von 50 Amazonen überfallen, gefesselt und zum Akt gezwungen. Gruppenvergewaltigung also. Neun von Zehn stehen drauf. Roland Kaiser hielt ganz radiotauglich an den schneeweißen Stränden ihre "Jugend in den Händen". Sexueller Missbrauch von Kindern/Jugendlichen. 2014 fragte er, warum sie mit ihrem Hauch von Nichts nicht "Nein" gesagt hat und die Schuld bei ihr liege. Der rollige Roland rief ja früher mit "Manchmal möchte ich schon mit dir" auch zum Ehebruch auf und alle sangen mit. Also genau wie bei Unkle Crackers "Follow me", der das gleiche Thema wählte. Die kleine Jane  von einst kann vom Glück reden, dass sie barely legal gerade 18 war, als der Jim ihr den Bossa Nova näher brachte. Okay, landete trotzdem beim BR auf dem Index. 

Ich für meinen Teil brauchte bislang weder übertrieben viel Alkohol noch Rape-Phantasien (höchstens einen Seidenschal) um eine Bekanntschaft "atemlos durch die Nacht" zu bringen und ich denke, den meisten geht es ähnlich. Helene Fischer zieht ja in manchem Song auch beim Reden schon alles an, was ihn verführen wird. Die "Hölle am nächsten Tag" ist ihr egal. Oho. 

Wir sehen also, dass Sex, Sexphantasien, Überschreitungen und so weiter schon immer ihren Platz in der Musik hatten. Und dabei bin ich noch gar nicht beim deutschen Rap angelangt. Mit Literatur fange ich am besten gar nicht erst an. Vladimir Nabokov gefällt das. Und damit sind wir beim Thema: Wo fangen wir denn an? Corinna Schütz beim "Donaulied". Aber wer gibt ihr das Recht, damit auch den Endpunkt zu setzen? Genau. Niemand. Was kommt also als nächstes? Denn es wird - und das lehrt uns die Erfahrung - immer weiter gehen. Wer kommt als nächstes? Wie weit gehen wir als nächstes? Ich möchte nicht in der Haut Desjenigen stecken, der die Grenze definieren muss.


Fickt euch alle! Aber im gegenseitigen Einverständnis.


Und eine Petition erreicht im Grunde nur, dass die - nennen wir es mal sexuelle Phantasie - an Bedeutung gewinnt. Und ja, es ist eine Phantasie und die Gedanken sind frei und da ist auch alles erlaubt - findet euch damit ab. Sonst hätte es "Sex and the city" nie über den Piloten hinaus geschafft. Denn wir alle können ganz gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Auch die Männer, die hier kollektiv indirekt zu potenziellen Vergewaltigern hochdiskutiert werden können das sehr gut.

Niemand hat hier das Recht, den ersten Stein zu werfen, denn jeder hat in bestimmten Situation, bei manchen Songs oder in Filmszenen etwas gedacht, gesagt, verspürt oder phantasiert, was er/sie besser nicht an die große Glocke hängt. Ihr wollt den Song los werden? Okay. Aber macht keine Petition draus, in der die Flachzangen der AfD wieder eine Chance wittern, den Untergang der Traditionen zu prophezeien (die müssen sich ja aktuell auf jedes Thema stürzen, weil jeder in den letzten Wochen gesehen hat, dass sie tatsächlich nichts zu liefern haben). Versorgt nicht die ganzen Dauer-Provokateure mit Munition, in dem sie jetzt in jedem öffentlichen Klo am Rande eines Bürgerfestes das Lied rausträllern können um einen Moment Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ein Drittel. Das ist absolut ausreichen. Ein Drittel müsst ihr im Bierzelt sein. Wenn das Donaulied kommt, dann stellt euren Maßkrug ab, steigt von der Bierbank und geht raus. Oder setzt euch zumindest hin. Die Coverband, die dann weiter konsequent an diesem Text festhält und trotzdem Engagements bekommt, wenn der Wirt die Reaktionen sieht, muss erst noch gegründet werden. Übrigens: die "saubere" Variante des Liedes muss auch nicht zwanghaft schlechtgemacht werden. Darin wird die Frau vorher wach und ist mit dem Sex einverstanden. Ein Skandal, ich weiß. 

Und wenn alle Stricke reißen: Liebe Party-Bands. Es gibt nur wenige, denen ich es zutraue und es ist ein Risiko, klar. Aber wie wäre es einfach mit einem neuen Text? Schlüpfrig darf er ja bleiben.

Love, Peace und den ganzen Mist, bleibt gesund und macht das Thema nicht größer als notwendig. Fuck AfD und bis zum nächsten Mal. Ich bin raus. 

Jeanny, komm. Come on. Steh auf ...



[Bonus:]

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