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Corona macht klar: Kinder brauchen endlich eine Lobby!

© Kelly Sikkema / Unsplash

Lobbyismus ist eine gute Sache. Grundsätzlich. Gesetzgeber brauchen Menschen, die mit der Materie vertraut sind, die Pros und Contras zu Sachverhalten kennen und die aufgrund ihres Hintergrundwissens die Grundlage für wichtige Entscheidungen schaffen können. Leider hat es sich jedoch eingebürgert, dass die Politiker - die nunmal auch nicht bei jedem Thema umfassende Weisheiten besitzen können - abhängig sind von den Urteilen der Vertreter. Und diese tragen nunmal immer die Brille der jeweiligen Konzerne. Auch der Umweltschutz hat seine Lobby. Oder die Bürger. Oder umweltschützende Bürger. Es ist wie bei einem Smartphone. Für alles gibt es eine App. Sogar zum Aussuchen von Apps. Doch eine Lobby ist in der großen Politik faktisch nicht vertreten: Kinder.

Besonders deutlich macht dies nun die Corona-Pandemie. Wir Erwachsenen jammern schon ob der Maßnahmen, die getroffen wurden. Abgesehen von den persönlichen wirtschaftlichen Zuständen beschränken wir uns jedoch auf die privaten Vergnügen, die eingebüßt wurden. Schließlich vergleichen wir die Situationen mit denen der Kinder - und die haben meist keinen Gewerbeschein.

Jetzt sind wir aber immer noch in einer sehr guten Situation, was das Aushalten der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen betrifft. Ja, "Beschränkungen" nicht "Verbote". Diese würden sich ganz anders anfühlen, auch wenn euch Leute auf Facebook mit Youtube-Links etwas anderes einreden wollen.

Wir können unsere Kollegen per "Zoom" treffen, halten einen kurzen Talk per "Facetime" mit der Family, schicken unseren Bekannte Sprachnachrichten per WhatsApp und hängen abends auf "Houseparty" ab oder loggen uns in den Twitch-Chat, das Live-DJing oder zur Netflix-Party bekannter Streamer ein. Aus dem häufig fälschlicherweise als "social distancing" bezeichneten Abstandhalten wurde faktisch nur ein "physical distancing". Man hält Abstand, aber trifft sich trotzdem.

Und nun werfen wir einen Blick auf die 3-, 5-, 7-Jährigen in der Familien-WG. Wann gehen die in den Chat? Wann sind sie für ihre Freunde per Handy erreichbar? Mit wem können sie sich über die für sie relevanten Themen austauschen? Mit niemandem. Ihnen wurde von heute auf morgen gesagt: "Du bleibst ab jetzt zu Hause, deine Freunde siehst du nicht mehr. Ach ja, und Spielplätze und Sportbereiche sind auch zu. Tschüss, du Opfer."

Wir sitzen alle im selben Boot. Echt?


Mit dieser Ansage wurden die Kinder - nicht nur in Deutschland - ohne Abendbrot aufs Zimmer geschickt. Eine Strafe ohne Straftat. Noch nicht einmal mit zum Einkaufen sollten sie mitgehen. Ihre sozialen Kontakte wurden - anders als bei ihren Eltern - von jetzt auf gleich auf Null geschraubt. Oder besser: gegen die Wand gefahren. Und sie alle sitzen im gleichen Boot. Moment ... tun sie das wirklich?

Angeblich sitzen wir mit dieser Pandemie ja alle im gleichen Boot. Alle. Doch realistisch betrachtet, sitzen manche auf einem Luxusliner, während andere versuchen, zu Zweit auf einer auf dem Wasser treibenden Holztür Platz zu finden. So geht es auch den Kindern. Nur noch deutlicher.

Ich selbst bin in dieser Krise aktuell (noch) sehr privilegiert. Mir brechen keine Einnahmen weg und ich habe etliche Möglichkeit, Freunde, Familie und Bekannte zu kontaktieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Und auch meine Kinder sind privilegiert. Zwar wurden sie durch die Schließungen von Kitas und Schulen ihrer Freunde beraubt, doch sie haben einige Vorteile, die ihnen gar nicht bewusst sind. Denen ich mir selbst erst bewusst werden musste. Zum einen der Plural. Kinder. Sie haben also immer jemanden zum Spielen. Wir haben gefühlt zwar nur fünf Quadratmeter Garten und eine abgelegene Einfahrt zu den Garagen. Aber wir haben sie.

Im Garten stehen neben zwei Bäumen inzwischen auch ein Sandkasten, ein Trampolin, eine Schaukel, eine Spielküche und eine Kletterleiter. Hinzu kommen Bälle und Frisbees. In der Einfahrt können sie mit den Fahrrädern den Straßenkreide-Hindernissen ausweichen, Hockey spielen oder mit dem Fußball gegen die Absperrmauer dreschen.

Auf dem Balkon wurde eine alte Klamotten-Kiste vom schwedischen Nestbautrieb-Versorger zum Ersatz-Sandkasten umgebaut. Ein Sonnensegel schützt vor den Nachmittagsstrahlen, während die Kleinen auf den dort ausgelegten Teppichen ihre Spielsachen ins Freie bringen. Netflix, Disney+ und Amazon Prime bieten auf diversen Endgeräten die Chance, das Heimkino werbefrei zu nutzen und ab und an darf auch ne Runde MarioKart gezockt werden. Das sind viele Möglichkeiten, um die fehlenden Spielplatzzeiten, HipHop-Stunden, Kinderland-Nachmittage oder Zoobesuche zu kompensieren. 


Wäre es einfach, gäbe es diesen Beitrag nicht


Doch das alles wäre nicht möglich, ohne die entsprechenden Anschaffungen oder gar Voraussetzungen. Zwar sind auch wir nur in einem Mehrfamilienhaus, doch dieser kleine Unterschied zum klassisch-symbolischen Plattenbau katapultiert uns - beziehungsweise meine Kinder - in neue Sphären. 

Ein Häuschen mit Garten wäre da natürlich noch besser, aber was soll ich mich beklagen? Doch sehen wir der Wahrheit ins Auge: Wir gehören aktuell zur Pandemie-Elite. Meine Kinder profitieren von der Tatsache, dass wir das Geld für ein Trampolin von der Bank holen konnten, dass sie einen Balkon haben, dass ihr popkulturell affiner Vater sich gerne werbefreies TV-Vergnügen gönnt und mehr Spielkonsolen als Unterhosen besitzt. Doch eine große Masse hat dieses Glück nicht. Und was noch schlimmer ist: sie haben keine Stimme.

Es gibt keine effektive Lobby, die sagt: "Schmierinfektionen sind mindestens fragwürdig, gebt die Spielplätze wieder frei." Werft mich bitte nicht mit diesen Akademimimis in YouTübingen mit ihrer Facebookliothek in eine Schublade. Es ist klar, dass Kinder Probleme haben werden, die Regeln einzuhalten. Doch dann müssen entsprechend Regeln ausgearbeitet, Alternativen angeboten, Möglichkeiten geschaffen werden. Eine ganze Generation wurde sozial in die Kiste gesperrt und dazu verdammt, wie ihre Herren und Meister untereinander ihre persönlichen Freiheiten verhandeln. Zum Zusehen verdammt.

Natürlich wird das keine leichte Angelegenheit. Beispiel: Ein Dormagener Gymnasium musste laut "Focus" nach nur wenigen Tagen den Betrieb wieder einstellen, weil die Ansteckungen nach oben schossen. Hat man das kommen sehen? Ja. Alle. Außer ihr Ministerpräsident Armin "Ich bin schlauer als der Rest" Laschet von der CDU. Hat sich ja hoffentlich gelohnt.

Dass es nicht leicht wird, den Kindern eine saubere und sinnvolle Lockerung zu geben, ist klar. Doch das liegt auch daran, dass sie ohnehin nie in irgendeiner Kalkulation vorkamen. Sie haben keine Lobby. Sie haben noch nicht einmal selbst eine Stimme. Oder die Chance sich zu organisieren. Und darum wird es, liebe Politiker und Verbände, endlich Zeit, eure oft werbeträchtig ausgenutzte Zukunft auch entsprechend zu vertreten. Ihr lebt doch nicht ernsthaft in der Illusion, dass so etwas nie wieder passieren könnte, oder? Holt sie zurück ins Alltagsleben. Das gehört auch zu euren Pflichten. Und dafür werdet ihr auch bezahlt - darum bleibt diese Verantwortung euch überlassen.

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