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Liebe Gewerkschaft der Polizei: Heul leise!


©Screenshot/Facebook/GdP Bayern


Ich hatte nie Probleme mit der Polizei - und das bleibt hoffentlich auch so. Im Gegenteil, ich war schon sehr oft dankbar für die Beamten. Selbst, wenn sie meinen, mir mitten in der Nacht mit ihrem gefühlten Hand-Baustrahler in die Augen leuchten zu müssen, bleibe ich in der Regel cool.

Aber dieser Text, den die GdP Bayern auf Facebook verfasst hat (>> hier <<) ist im Grunde nichts anderes als das Negativ zu den angeprangerten Vorwürfen.
Die eine Seite will, dass die Bürger gerecht behandelt werden, die Polizei will, dass die Beamten gerecht behandelt werden. Und beide Anliegen haben sehr wohl ihre Daseinsberechtigung.

Im alltäglichen Umgang gibt es jedoch einen kleinen und daher sehr wichtigen Unterschied: Werde ich "verdachtsunabhängig" kontrolliert, dann habe ich - im Gegensatz zu meinem Gegenüber - weder Gewaltenhoheit noch Handschellen noch eine Schusswaffe. Somit gibt es hier ein deutliches Ungleichgewicht.

Und nun, weil jemand präventiv oder wegen konkreter Vorfälle, egal, mal genauer hinschauen möchte, kommt ein pauschales "Bei uns gibts nichts zu untersuchen, schaut lieber auf die Bürger." Aber genau das wäre doch der Job der Polizei? Auf die Bürger zu schauen.

Wer überwacht den Überwacher?


Niemand stellt alle Polizisten unter Generalverdacht und die GdP sollte nicht pauschal alle freisprechen. Genau darum soll ja untersucht werden.

Und ganz ehrlich, warum wird hier nur gegen linken Extremismus geschossen? Gibt es rechten oder religiösen nicht mehr? Hab ich was verpasst? Oder soll hier ein Feindbild vorgeschoben werden?

Gut, dass in den letzten Tagen die linken Demonstranten tatsächlich den Tod ... nein, den Mord an George Floyd zum Anlass nehmen, um sich selbst auf den sozialen Netzwerken zu vermarkten, ist kein Geheimnis. Denn etliche Video beginnen komischerweise immer kurz bevor "die bösen Polizisten" etwas machen, was sich gut teilen lässt. Die 2-3 Minuten davor, von denen dann Zeugen vor Ort berichten, werfen dann immer ein anderes Bild auf die Situation. Teilweise tauchen sogar die Videos auf, in denen man die Momente davor sieht und einem wird schnell klar: Hier geht die Polizei noch viel zu sanft mit ihm um.

Vielleicht steckt ja diese Wut gegen die linken Selbstdarsteller in diesem Posting. Aber das hat dann in einem offiziellen Account nichts verloren, auch wenn es menschlich nachvollziehbar ist.

Ausgerechnet da nicht hingesehen


Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass Polizisten sich auch gegenseitig in einer Art und Weise decken, dass ich vor Gericht bei dem Verhalten vermutlich eine Strafe wegen Falschaussage zahlen müsste. Und das bestätigte erst unlängst einer der in der Justiz tätigen Moderatoren des Podcasts "Lage der Nation".

Paraphrasiert meinte er, dass auch er bereits solche gegenseitigen Schutzaussagen erlebt hätte und Polizisten nie etwas gesehen haben, wenn der Kollege Mist gebaut hat. Da hätte dann einer ausgerechnet in dem Moment aufs Handy gesehen, der andere habe gerade in die andere Richtung geblickt, usw. 

Auch hatte die Sendung Extra3 diese Woche einen Abschnitt, in der darauf eingegangen wird, dass die Hautfarbe nicht selten Grund dafür ist, dass man seinen Ausweis zücken muss. Alles frei erfunden? Alles Linksextremisten?

Hatte es nicht in der Vergangenheit Fälle gegeben, in denen Polizeiautos in sozialen Netzwerken gezeigt wurden, bei denen eindeutig rechtspopulistische Zeitschriften im Innenraum lagen? Im Rahmen einer Pediga-Demo? Soll man da also noch von einer neutralen Staatsgewalt ausgehen? Wurde nicht sogar bereits die Pressefreiheit durch ahnungslose oder fraglich motivierte Beamte eingeschränkt, weil Wutbürger ins Gesicht gefilmt wurden? Wo arbeitete der Kerl mit dem Deutschlandhütchen gleich nochmal?

Weiße Westen in dunklen Uniformen? Ja, klar.


Ich sage nicht, dass alle Polizisten so sind - es sind zum Glück absolute Ausnahmen. Ich bin auch sehr dankbar, dass wir eine Instanz wie die Polizei haben und dass ich in Deutschland das Privileg habe, gute Beamte idR um mich zu haben. Und wenn euch jemand mit Flaschen bewirft, dann werde ich einen Teufel tun und mitzählen, ob er einmal oder dreimal den Schlagstock auf die Wade bekommt. Wer bettelt soll empfangen.

Aber, liebe GdP Bayern, tut verdammte Scheiße nicht so, als wären es nur Heilige, die bei der Polizei tätig sind oder waren (... räusper, Tim K. räusper ...). Ich als Bürger kann so gut wie nichts gegen Polizisten ausrichten, wenn die Mist bauen - die Politik schon. Also haltet euch doch mal an die Aussagen, die wir immer zu hören bekommen: "Wenn man nichts angestellt hat, dann muss man auch nichts befürchten."

Abgesehen davon: Soll man es nur noch Polizisten überlassen, Polizei-Vorfälle zu untersuchen? Obwohl. Klappt ja in der katholischen Kirche auch super, oder?


"Donaulied": Sexuelle Gewalt oder geheuchelte Moral?

©Julia Bergmeister / CC-Lizenz*


Corinna Schütz hat ein Problem. Oder genauer gesagt eine Petition wegen eines Problems. Die 22-Jährige Passauer Studentin möchte das "Donaulied" verbieten lassen. Okay, "verbieten" stimmt nur so halb, viele betonen, dass es in Bierzelten nicht mehr gespielt werden soll. Als ob es auf der Ü30-Fete oder im Kinderfasching weniger problematisch wäre.

Denn genau das ist dieser Text, wenn ich mal von meinem "alter weißer Mann"-Standpunkt einen Schritt zurück trete und das Ganze betrachte. Denn in dem Lied - das in unterschiedlichen textlichen Variationen existiert - liegt ein Mädchen schlafend am Ufer und der Ich-Sänger macht sich "über die Schlafende her". Zumindest in der wohl bekanntesten Version, die Coverbands in Bierzelten verwenden. Das allein ist nicht das einzige Problem an dem Song, denn im Subtext schwingen einige weitere Anspielungen mit. Zum Beispiel ist sie teils "halb nur bedeckt", was in der Bierzelt-Umgebung indirekt darauf anspielen könnte, dass sie eventuell sternhagelvoll ist. Am Ende des Songs wirft die inzwischen aufgewachte dem (mutmaßlichem) Vergewaltiger vor (hey, noch ist er nicht rechtskräftig verurteilt), sie geschwängert zu haben.

Aber zum Glück hat er verhütet und dass sie nicht weiß, wer der Vater ist, steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Okay, so weit so scheiße. Denn tatsächlich verharmlost dieses Lied sexuellen Missbrauch und ich persönlich habe das Lied (abgesehen vom Ohrwurm-Charakter der Melodie) nie gemocht. Aus genannten Gründen und auch in Kombination mit dem Publikum (m/w/d), das typischerweise lauthals mitsingt. Wenn Bierbauch-Bernd vollgeschwitzt "Ihr schneeweißer Busen war halb nur bedeckt" lüstern in die Brathendl-Luft leiert, dann ist das eben nicht sexy. 

Aber das ist ein persönliches Empfinden, andererseits übertöne ich auch nach fünf Cuba Libre alle anderen, wenn "Poison" von Alice Cooper läuft und BDSM-Referenzen kommen ("I wanna hurt you just to hear you screaming my name"). Und genau damit kommen wir zu den Begründungen, warum eine derartige Anti-Donaulied-Petition fürn Arsch ist.


Die Studentin gehört mal wieder richtig durchgebumst!


Schön zu sehen, dass die Zwischenüberschrift dich zum Weiterlesen motiviert hat. Nein, ich werde mir kein Urteil über das Sexualleben einer 22-Jährigen erlauben und auch keine Gebrauchsanweisung zur Änderung ihrer Motivation hier mutmaßen. Das überlasse ich den Arschlöchern, die auf Youtube und Facebook darin die Lösung dieser Probleme sehen. (Das hat keiner jetzt kommen sehen, was. Ha!)

Corinna Schütz hat ja ein durchaus sinnvolles Anliegen: Sexuelle Gewalt nicht zum Party-Element werden zu lassen. Doch liebe Corinna, da geht es um ein Lied, das offenbar dir persönlich (zu Recht) sauer aufstößt. Hast du dich aber mal in den letzten paar hundert Jahren in den Kulturlandschaften umgesehen? Die ist voll davon. Also warum genau muss nun das Donaulied herhalten? Es ist nur ein Beispiel unter vielen.

In Peter Maffays Hit "Es war Sommer" verführt eine Mitdreißigerin einen 16-Jährigen zum ersten Sex. Ich sage bewusst "verführt", denn wenn es eine Frau macht, wird es komischerweise immer "verführt" genannt, während ein Mann immer "missbraucht". Aber da ich selbst ein Mann bin, hat diese Kritik weniger Wirkung, als würde es eine Frau schreiben.


Ehebruch, Verführung Minderjähriger und Gruppenvergewaltigung


"Der kleine Fischer Lodrian" wird von 50 Amazonen überfallen, gefesselt und zum Akt gezwungen. Gruppenvergewaltigung also. Neun von Zehn stehen drauf. Roland Kaiser hielt ganz radiotauglich an den schneeweißen Stränden ihre "Jugend in den Händen". Sexueller Missbrauch von Kindern/Jugendlichen. 2014 fragte er, warum sie mit ihrem Hauch von Nichts nicht "Nein" gesagt hat und die Schuld bei ihr liege. Der rollige Roland rief ja früher mit "Manchmal möchte ich schon mit dir" auch zum Ehebruch auf und alle sangen mit. Also genau wie bei Unkle Crackers "Follow me", der das gleiche Thema wählte. Die kleine Jane  von einst kann vom Glück reden, dass sie barely legal gerade 18 war, als der Jim ihr den Bossa Nova näher brachte. Okay, landete trotzdem beim BR auf dem Index. 

Ich für meinen Teil brauchte bislang weder übertrieben viel Alkohol noch Rape-Phantasien (höchstens einen Seidenschal) um eine Bekanntschaft "atemlos durch die Nacht" zu bringen und ich denke, den meisten geht es ähnlich. Helene Fischer zieht ja in manchem Song auch beim Reden schon alles an, was ihn verführen wird. Die "Hölle am nächsten Tag" ist ihr egal. Oho. 

Wir sehen also, dass Sex, Sexphantasien, Überschreitungen und so weiter schon immer ihren Platz in der Musik hatten. Und dabei bin ich noch gar nicht beim deutschen Rap angelangt. Mit Literatur fange ich am besten gar nicht erst an. Vladimir Nabokov gefällt das. Und damit sind wir beim Thema: Wo fangen wir denn an? Corinna Schütz beim "Donaulied". Aber wer gibt ihr das Recht, damit auch den Endpunkt zu setzen? Genau. Niemand. Was kommt also als nächstes? Denn es wird - und das lehrt uns die Erfahrung - immer weiter gehen. Wer kommt als nächstes? Wie weit gehen wir als nächstes? Ich möchte nicht in der Haut Desjenigen stecken, der die Grenze definieren muss.


Fickt euch alle! Aber im gegenseitigen Einverständnis.


Und eine Petition erreicht im Grunde nur, dass die - nennen wir es mal sexuelle Phantasie - an Bedeutung gewinnt. Und ja, es ist eine Phantasie und die Gedanken sind frei und da ist auch alles erlaubt - findet euch damit ab. Sonst hätte es "Sex and the city" nie über den Piloten hinaus geschafft. Denn wir alle können ganz gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Auch die Männer, die hier kollektiv indirekt zu potenziellen Vergewaltigern hochdiskutiert werden können das sehr gut.

Niemand hat hier das Recht, den ersten Stein zu werfen, denn jeder hat in bestimmten Situation, bei manchen Songs oder in Filmszenen etwas gedacht, gesagt, verspürt oder phantasiert, was er/sie besser nicht an die große Glocke hängt. Ihr wollt den Song los werden? Okay. Aber macht keine Petition draus, in der die Flachzangen der AfD wieder eine Chance wittern, den Untergang der Traditionen zu prophezeien (die müssen sich ja aktuell auf jedes Thema stürzen, weil jeder in den letzten Wochen gesehen hat, dass sie tatsächlich nichts zu liefern haben). Versorgt nicht die ganzen Dauer-Provokateure mit Munition, in dem sie jetzt in jedem öffentlichen Klo am Rande eines Bürgerfestes das Lied rausträllern können um einen Moment Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ein Drittel. Das ist absolut ausreichen. Ein Drittel müsst ihr im Bierzelt sein. Wenn das Donaulied kommt, dann stellt euren Maßkrug ab, steigt von der Bierbank und geht raus. Oder setzt euch zumindest hin. Die Coverband, die dann weiter konsequent an diesem Text festhält und trotzdem Engagements bekommt, wenn der Wirt die Reaktionen sieht, muss erst noch gegründet werden. Übrigens: die "saubere" Variante des Liedes muss auch nicht zwanghaft schlechtgemacht werden. Darin wird die Frau vorher wach und ist mit dem Sex einverstanden. Ein Skandal, ich weiß. 

Und wenn alle Stricke reißen: Liebe Party-Bands. Es gibt nur wenige, denen ich es zutraue und es ist ein Risiko, klar. Aber wie wäre es einfach mit einem neuen Text? Schlüpfrig darf er ja bleiben.

Love, Peace und den ganzen Mist, bleibt gesund und macht das Thema nicht größer als notwendig. Fuck AfD und bis zum nächsten Mal. Ich bin raus. 

Jeanny, komm. Come on. Steh auf ...



[Bonus:]

Blu-Ray-Regal vs. Digital-Sammlung: Ein Showdown

Screenshot aus meiner Prime-Videothek. Die Bequemlichkeit holt langsam auf.
Eine Frage, die die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Sie ist epischer als Nike oder Adidas. Größer als Instagram oder Snapchat. Vergesst Pepsi gegen Coke oder Wendler gegen Selbstachtung. Es die Frage, die wir alle verdrängen, doch um eine Antwort flehen: Filmsammlung - digital oder haptisch?

Beide haben Vorteile. Beide haben Nachteile. Und wie so oft im Leben darf man dabei nicht den Fehler machen, die Anzahl der Pros und Contras gegeneinander aufzuwiegen. Die jeweilige Gewichtung eines Arguments macht den Unterschied.

Ich persönlich liebe meine DVD- und Blu-Ray-Sammlung. Sie ist für den Ottonormal-Dude soweit ganz beachtlich, in meiner Filterbubble jedoch eher gerade einmal Durchschnitt. Doch auch hier gilt: never trust the bubble. Etwa 450-500 Scheiben schützen meine IKEA-Regalbretter vor dem Einstauben.

Wie einst meine rund 400 CDs im Jugendzimmer ist auch hier jedes dieser Massenware-Exemplare eine Art gesicherte Trophäe. Ein Zeichen von Respekt und Anerkennung, dass jedem Besuch einen kleinen Einblick in meine Persönlichkeit erlaubt. Und das ist tatsächlich schon der erste Vorteil. Man setzt ein Statement. Das Band-Shirt fürs Zuhause, das Wand-Tattoo für Menschen mit Geschmack.

Was bei anderen in den Kammern flimmern


Besuche ich Menschen in ihren eigenen vier Wänden, werfe ich immer einen Blick auf ihre Filmsammlung. Als wir vor wenigen Wochen neue Nachbarn bekamen, kramte ich mich beim ersten "Hallo"-Besuch durch den Karton mit den Blu-Rays und konnte schnell einschätzen: Die Leute scheinen in Ordnung zu sein. 

Auch, als ich in München erstmals einen Kumpel besuchte, damit wir uns zusammen das NFL-Spiel reinpfeifen konnten, kam es vor seiner Entertainment-Sammlung zum geistigen Kniefall. Hunderte bunte Hüllen, Staffel-Boxen, Steelbooks, Collector's Editions, dicht an dicht in einem Eckregal einsortiert. Davor ein Sessel. Seine persönliche Bibliothek von Alexandria - und ich hatte kurz überlegt, wie vielen Menschen er wohl von meinem Besuch erzählte und ob mich unterwegs mögliche Zeugen beobachtet haben.

Das zeigt zwei weitere Vorteile: Zum einen kann es - richtig umgesetzt - ein hervorragendes Stilelement für die Innenarchitektur sein. Zum anderen hat mir meist deutlich bessere Möglichkeiten der Sortierung. Im Vergleich zum Anbieter-Riesen Amazon, wo ich eine (umgekehrte) A-bis-Z- oder Kaufdatum-Sortierung bekomme, kann ich mich im heimischen Regal austoben. Alphabetisch, nach Farben, nach Genre, Filme von Tarantino hier, Filme mit Lucy Cat dort, die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt. Außerdem leihe ich mir ja gerne Filme oder Serien von Kumpels aus, ohne dass ich sie nach ihren Passwörtern fragen muss. 

Han Solo hat zuerst geschossen!


Doch den wichtigsten Vorteil sieht man, wenn man die Korrektur-Politik der großen Filmstudios betrachtet. Immer wieder werden Filme nachgebessert, mal im Kleinen, mal im Großen. Das ist nicht zwingend schlecht. 2020 hat sich die Gesellschaft nunmal soweit gewandelt, dass es nicht mehr problemlos ist, wenn Pipi Langstrumpfs Vater der "König der Neger" ist. Auch, wenn ein Kind in einem Wäschetrockner stirbt, weil Stitch' Ziehmutter Lilo sich in einer Szene in einem solchen versteckt hat, kann man eine Änderung der Sequenz getrost absegnen. Es schadet ja niemandem - außer den Facebook-Kommentatoren, deren Kindheit gefühlt dadurch vollständig zerstört wurde. Vermutlich sind sie bereits alle inzwischen in Therapie. Schließlich sind ja sie die Zielgruppe bei Zeichentrickfilmen *augenrollgeräusch

Aber verdammte Axt, lieber George Lucas, du weißt es, ich weiß es, alle wissen es: Han Solo hat zuerst geschossen, also hör auf die Filme zu verschandeln. Der Vorteil bei den haptischen Exemplaren: hier kann niemand mehr etwas weg-, rum- oder hinzudoktorn. Oder gar Filme komplett aus dem Programm nehmen, weil der Hauptdarsteller den nächsten Sex-Hashtag fabriziert hatte. Und wer wollte eigentlich eine neue Synchro für "Arielle"? Zum Glück hab ich noch die alte Fassung. Bei "Disney's Weihnachtsgeschichte" hab ich das leider verpasst.

Jedoch - und damit kommen wir zu den Vorteilen der digitalen Ausgaben - können sich solche Korrekturen auch zum Vorteil auswirken. Um bei "Lilo & Stitch" zu bleiben: Ich habe mir den Film damals sehr schnell gekauft, als er auf dem Markt war. Und es gibt bestimmte Szenen, die mir ein Fragezeichen ins Gesicht gezaubert haben. Bestes Beispiel war die Verfolgungsszene im Showdown-Akt. Lilo wird in einen Glasbehälter auf der Rückseite des Raumschiffs gepackt. Irgendwann hat dieser plötzlich einen Sprung. Man sieht leider aber nicht, warum. Vermutlich als Folge der Luftschlacht.

The dark side of the disc


Falsch. Als sich meine Kinder über einen Streaming-Kanal, der absolut rein zufällig auch Disney-Filme hat, diesen Film angesehen haben, kam ich gerade ins Wohnzimmer. Und plötzlich sah ich Szenen, die ich auf der DVD nie zu Gesicht bekam. Erstmals wurden kleinere Logik-Lücken geschlossen. Ich hatte - ohne es damals ahnen zu können - eine gekürzte Fassung gekauft.

Hätte ich den Film digital besessen, wäre es nicht ausgeschlossen, dass die alte Version durch die neue ersetzt worden wäre. Apropos "ersetzen". Meine Mittlere hatte eine lange Zeit zwei Filme, die sie über alles liebte. Wir sprechen von hohen zweistelligen oder gar untere dreistellige Zahlen, wenn es darum geht, wie oft sie diese j-e-w-e-i-l-s gesehen hatte. "Disney's Peter Pan" und "Die Eiskönigin". Diese BluRays liefen so oft, dass ich mir allmählich Sorgen um den Zustand der Scheiben machte. Also hab ich sie noch einmal per Amazon gekauft. Auch, um wieder freien Zugriff auf das TV-Gerät zu bekommen. Das iPad reichte ihr schließlich auch.

Man hat seine Filme immer dabei. Man sitzt am Bahnhof und muss noch auf den Zug warten, der im August wegen Schneefall 180 Minuten zu spät kommt? Kein Problem, denn man hat "Fast & Furios 162" immer dabei. Man fährt in den Urlaub und die Kinder müssen ruhig gestellt werden? Jedes bekommt eines der alten Handys mit Zugriff auf die Online-Videothek und Kopfhörer verpasst.

Bequem ist auch die Tatsache, dass man sich den Film (oder die Serie) von der Couch aus anschalten kann. Kein Aufstehen, kein Einlegen, kein Aufräumen oder Discs wechseln. Das Einkaufen läuft von selbst. Nach zwei-drei Klicks steht dem Heimkino-Abend nichts mehr im Wege. Kein Warten, kein gelber Abholschein, keine kaputten Hüllen. 

Das Urteil ist gefällt


Es muss natürlich auch tonnenweise weniger Müll produziert werden (wobei diese Filme eher selten in Tonnen landen). Und wenn man sich den Film zum 3.286sten Mal ansieht, weil er einfach der beste Film aller Zeiten ist (ja, ich spreche von "Zurück in die Zukunft"), dann ist die Wiedergabequalität wie am ersten Tag. Auch technische Erweiterungen können in der digitalen Fassung besser eingebaut werden, als bei den CDs, deren Reifeprozess nunmal abgeschlossen ist. Egal ob bei Bild, Ton oder Konsumerlebnis.

Mein Fazit fällt dennoch tendenziell zu Gunsten der Wohnzimmerwand aus. Denn irgendwann könnte die große Apokalypse kommen, das Internet explodiert, globaler Stromausfall oder Amazon erhält eine Steuernachzahlung zugestellt. Und zack könnte es aus sein. Okay, beim Stromausfall auch, aber da kann man sich ja technisch vorbereiten. Dann kann ich in meinem unterirdischen Bunker immer noch "Pulp Fiction" einschalten.

Wofür man der Film-Industrie jedoch ordentlich in den Arsch treten sollte: Jahrelang haben wir Film-Sammler mit unseren Käufen haptischer Datenträger dafür gesorgt, dass weiterhin der Rubel rollt. Während andere sich auf den ersten Filesharing-Plattformen diese Produkte gelimet, ge-eMulet oder genapstert haben. Wie wird es uns gedankt? Digital-Versionen kommen früher auf den Markt als die handfesten Varianten. Denn man will Geld sparen. Und da sind die treuesten Fans eben zweitrangig.

Meine persönliche Lösung habe ich jedoch gefunden. Es ist eine Mischung. Filme, die mir besonders wichtig sind, will ich in der Hand festhalten können. Die Nice-to-Haves reichen digital. Dieser Kompromiss klappt bisher ganz gut.




Corona macht klar: Kinder brauchen endlich eine Lobby!

© Kelly Sikkema / Unsplash

Lobbyismus ist eine gute Sache. Grundsätzlich. Gesetzgeber brauchen Menschen, die mit der Materie vertraut sind, die Pros und Contras zu Sachverhalten kennen und die aufgrund ihres Hintergrundwissens die Grundlage für wichtige Entscheidungen schaffen können. Leider hat es sich jedoch eingebürgert, dass die Politiker - die nunmal auch nicht bei jedem Thema umfassende Weisheiten besitzen können - abhängig sind von den Urteilen der Vertreter. Und diese tragen nunmal immer die Brille der jeweiligen Konzerne. Auch der Umweltschutz hat seine Lobby. Oder die Bürger. Oder umweltschützende Bürger. Es ist wie bei einem Smartphone. Für alles gibt es eine App. Sogar zum Aussuchen von Apps. Doch eine Lobby ist in der großen Politik faktisch nicht vertreten: Kinder.

Besonders deutlich macht dies nun die Corona-Pandemie. Wir Erwachsenen jammern schon ob der Maßnahmen, die getroffen wurden. Abgesehen von den persönlichen wirtschaftlichen Zuständen beschränken wir uns jedoch auf die privaten Vergnügen, die eingebüßt wurden. Schließlich vergleichen wir die Situationen mit denen der Kinder - und die haben meist keinen Gewerbeschein.

Jetzt sind wir aber immer noch in einer sehr guten Situation, was das Aushalten der Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen betrifft. Ja, "Beschränkungen" nicht "Verbote". Diese würden sich ganz anders anfühlen, auch wenn euch Leute auf Facebook mit Youtube-Links etwas anderes einreden wollen.

Wir können unsere Kollegen per "Zoom" treffen, halten einen kurzen Talk per "Facetime" mit der Family, schicken unseren Bekannte Sprachnachrichten per WhatsApp und hängen abends auf "Houseparty" ab oder loggen uns in den Twitch-Chat, das Live-DJing oder zur Netflix-Party bekannter Streamer ein. Aus dem häufig fälschlicherweise als "social distancing" bezeichneten Abstandhalten wurde faktisch nur ein "physical distancing". Man hält Abstand, aber trifft sich trotzdem.

Und nun werfen wir einen Blick auf die 3-, 5-, 7-Jährigen in der Familien-WG. Wann gehen die in den Chat? Wann sind sie für ihre Freunde per Handy erreichbar? Mit wem können sie sich über die für sie relevanten Themen austauschen? Mit niemandem. Ihnen wurde von heute auf morgen gesagt: "Du bleibst ab jetzt zu Hause, deine Freunde siehst du nicht mehr. Ach ja, und Spielplätze und Sportbereiche sind auch zu. Tschüss, du Opfer."

Wir sitzen alle im selben Boot. Echt?


Mit dieser Ansage wurden die Kinder - nicht nur in Deutschland - ohne Abendbrot aufs Zimmer geschickt. Eine Strafe ohne Straftat. Noch nicht einmal mit zum Einkaufen sollten sie mitgehen. Ihre sozialen Kontakte wurden - anders als bei ihren Eltern - von jetzt auf gleich auf Null geschraubt. Oder besser: gegen die Wand gefahren. Und sie alle sitzen im gleichen Boot. Moment ... tun sie das wirklich?

Angeblich sitzen wir mit dieser Pandemie ja alle im gleichen Boot. Alle. Doch realistisch betrachtet, sitzen manche auf einem Luxusliner, während andere versuchen, zu Zweit auf einer auf dem Wasser treibenden Holztür Platz zu finden. So geht es auch den Kindern. Nur noch deutlicher.

Ich selbst bin in dieser Krise aktuell (noch) sehr privilegiert. Mir brechen keine Einnahmen weg und ich habe etliche Möglichkeit, Freunde, Familie und Bekannte zu kontaktieren. Dafür bin ich sehr dankbar. Und auch meine Kinder sind privilegiert. Zwar wurden sie durch die Schließungen von Kitas und Schulen ihrer Freunde beraubt, doch sie haben einige Vorteile, die ihnen gar nicht bewusst sind. Denen ich mir selbst erst bewusst werden musste. Zum einen der Plural. Kinder. Sie haben also immer jemanden zum Spielen. Wir haben gefühlt zwar nur fünf Quadratmeter Garten und eine abgelegene Einfahrt zu den Garagen. Aber wir haben sie.

Im Garten stehen neben zwei Bäumen inzwischen auch ein Sandkasten, ein Trampolin, eine Schaukel, eine Spielküche und eine Kletterleiter. Hinzu kommen Bälle und Frisbees. In der Einfahrt können sie mit den Fahrrädern den Straßenkreide-Hindernissen ausweichen, Hockey spielen oder mit dem Fußball gegen die Absperrmauer dreschen.

Auf dem Balkon wurde eine alte Klamotten-Kiste vom schwedischen Nestbautrieb-Versorger zum Ersatz-Sandkasten umgebaut. Ein Sonnensegel schützt vor den Nachmittagsstrahlen, während die Kleinen auf den dort ausgelegten Teppichen ihre Spielsachen ins Freie bringen. Netflix, Disney+ und Amazon Prime bieten auf diversen Endgeräten die Chance, das Heimkino werbefrei zu nutzen und ab und an darf auch ne Runde MarioKart gezockt werden. Das sind viele Möglichkeiten, um die fehlenden Spielplatzzeiten, HipHop-Stunden, Kinderland-Nachmittage oder Zoobesuche zu kompensieren. 


Wäre es einfach, gäbe es diesen Beitrag nicht


Doch das alles wäre nicht möglich, ohne die entsprechenden Anschaffungen oder gar Voraussetzungen. Zwar sind auch wir nur in einem Mehrfamilienhaus, doch dieser kleine Unterschied zum klassisch-symbolischen Plattenbau katapultiert uns - beziehungsweise meine Kinder - in neue Sphären. 

Ein Häuschen mit Garten wäre da natürlich noch besser, aber was soll ich mich beklagen? Doch sehen wir der Wahrheit ins Auge: Wir gehören aktuell zur Pandemie-Elite. Meine Kinder profitieren von der Tatsache, dass wir das Geld für ein Trampolin von der Bank holen konnten, dass sie einen Balkon haben, dass ihr popkulturell affiner Vater sich gerne werbefreies TV-Vergnügen gönnt und mehr Spielkonsolen als Unterhosen besitzt. Doch eine große Masse hat dieses Glück nicht. Und was noch schlimmer ist: sie haben keine Stimme.

Es gibt keine effektive Lobby, die sagt: "Schmierinfektionen sind mindestens fragwürdig, gebt die Spielplätze wieder frei." Werft mich bitte nicht mit diesen Akademimimis in YouTübingen mit ihrer Facebookliothek in eine Schublade. Es ist klar, dass Kinder Probleme haben werden, die Regeln einzuhalten. Doch dann müssen entsprechend Regeln ausgearbeitet, Alternativen angeboten, Möglichkeiten geschaffen werden. Eine ganze Generation wurde sozial in die Kiste gesperrt und dazu verdammt, wie ihre Herren und Meister untereinander ihre persönlichen Freiheiten verhandeln. Zum Zusehen verdammt.

Natürlich wird das keine leichte Angelegenheit. Beispiel: Ein Dormagener Gymnasium musste laut "Focus" nach nur wenigen Tagen den Betrieb wieder einstellen, weil die Ansteckungen nach oben schossen. Hat man das kommen sehen? Ja. Alle. Außer ihr Ministerpräsident Armin "Ich bin schlauer als der Rest" Laschet von der CDU. Hat sich ja hoffentlich gelohnt.

Dass es nicht leicht wird, den Kindern eine saubere und sinnvolle Lockerung zu geben, ist klar. Doch das liegt auch daran, dass sie ohnehin nie in irgendeiner Kalkulation vorkamen. Sie haben keine Lobby. Sie haben noch nicht einmal selbst eine Stimme. Oder die Chance sich zu organisieren. Und darum wird es, liebe Politiker und Verbände, endlich Zeit, eure oft werbeträchtig ausgenutzte Zukunft auch entsprechend zu vertreten. Ihr lebt doch nicht ernsthaft in der Illusion, dass so etwas nie wieder passieren könnte, oder? Holt sie zurück ins Alltagsleben. Das gehört auch zu euren Pflichten. Und dafür werdet ihr auch bezahlt - darum bleibt diese Verantwortung euch überlassen.

Augenschmaus im Zeitraffer: Ameisen vernichten Bananen-Scheibe

Screenshot/Youtube/Temponaut Timelapse

Wie lange dauert es, bis eine Ameisen-Kolonie eine Bananen-Scheibe verputzt hat? Die Antwort ist abschreckend lang: Gut 57 Stunden.

Wer nicht ganz so viel Zeit hat, kann sich das Ganze auf Youtube in rund 3 Minuten ansehen. Der Kanal "Temponaut Timelapse" hat sich dieser Aufgabe angenommen und ein Video erstellt. Das Ergebnis ist beeindruckend.

Die Schönheit der Vergänglichkeit - runtergebrochen auf Ameisen-Größe.

Wer das Video sehen möchte: hier klicken.


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